Arbeitsgelegenheiten für Geflüchtete – ein Praxisbericht

Im Kopfbau von Hangar 1 stapeln sich Werkzeug, Balken und Baumaterialien. Wir sind im Refugium der Haustechnik der Notunterkunft Flughafen Tempelhof. Zwischen den Gerätschaften, an einem mit bunt zusammengewürfelten Stühlen garnierten Pausentisch, sitzt Maqsut Nuri, 27, seit 18 Monaten Asylbewerber in Deutschland und ebenso lange Bewohner von Hangar 6. Er macht Kaffeepause mit seinen Teamkollegen. Denn Maqsut arbeitet hier. Arbeiten? Ja, und zwar selbstverständlich! So empfindet das zumindest Maqsut, der im Irak ein kleines Unternehmen für Fensterbau führte. Tischlern und Arbeiten mit verschiedensten Werkstoffen gehen ihm daher auch in Deutschland leicht von der Hand. Eine Berufsausbildung, die er hier anerkennen lassen könnte, hat er wie so viele Bewohner*innen unserer Unterkunft jedoch nicht. Dass er trotzdem einer Beschäftigung nachgehen kann, verdankt er dem Arbeitsmarktprogramm FIM, den Flüchtlingsintegratiosmaßnahmen.

FIM, das sind die sogenannten Ein-Euro-Jobs, die im Juli 2016 im Zuge des Integrationsgesetzes beschlossen wurden. Nach GzA, gemeinnütziger zusätzlicher Arbeit im Rahmen der Asylgesetzgebung, sind sie bereits die zweite Generation von Arbeitsgelegenheiten für Asylbewerber*innen. Bei einem maximalen Umfang von 30 Wochenstunden und sechs Monaten für FIM bzw. 3 Monaten und 20 Wochenstunden bei GzA sollen sie dazu dienen, die oft monatelangen Wartezeiten zwischen der Asylantragsstellung und dem Bescheid mit einer sinnvollen Beschäftigung zu überbrücken. Eine Zeit, die Asylbewerber*innen zumeist in Erstaufnahmeeinrichtungen oder Gemeinschaftsunterkünften verbringen, separiert von einem normalen gesellschaftlichen Leben und weit davon entfernt, die Anforderungen des deutschen Arbeitsmarkts kennenzulernen. Hier setzen die beiden Maßnahmen an und möchten durch niedrigschwellige Angebote an den Arbeitsmarkt heranführen.

Doch wie klappt das in der Praxis? Bei TAMAJA ist Iman Valentin für die Vermittlung und Betreuung von FIM- und GzA-Stellen zuständig. Sie ermittelt Bewohner*innen, die für das Programm infrage kommen, und Arbeitsbereiche der TAMAJA oder Kooperationspartner*innen, die eine Beschäftigung zu vergeben haben. Sie beantragt beim LAF die Stellen und betreut alle Programmteilnehmenden in wöchentlichen Gesprächen. Machmal geht die Vermittlung, wie bei Maqsut, recht einfach: Über seine beruflichen Kompetenzen und Entwicklungswünsche ist Iman durch unsere Sozialarbeit informiert, die diese Angaben von allen Bewohner*innen erfasst. Und da handwerkliche Arbeiten in einer Notunterkunft laufend anfallen, kann Iman in einem solchen Fall schnell Angebot und Nachfrage überein bringen.

Neben mit den Arbeitsaufgaben übereinstimmenden Qualifikationen müssen jedoch noch so einige andere Anforderungen erfüllt sein, damit eine GzA- oder FIM-Stelle das wird, was sie sein soll: ein Förderprogramm, das Geflüchtete weiterbringt, kein unterbezahlter Aushilfsjob. „Unser Ziel ist, die Menschen auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Darum setzten wir Geflüchtete für Arbeitsgelegenheiten nur dann ein, wenn wir sie durch die Maßnahme gezielt fördern können – sei es dadurch, dass sie ihre Sprachkompetenzen vertiefen können, oder dadurch, dass sie erste Erfahrung über Anforderungen und Abläufe im deutschen Arbeitsalltag gewinnen. Wenn jemand schon für den Arbeitsmarkt bereit ist und über ein Deutsch-Niveau auf Stufe B1 oder B2 verfügt, dann wollen wir nicht durch eine Arbeitsgelegenheit ausbremsen, sondern vermitteln in das Willkommen-In-Arbeit-Büro¹, mit dem wir eng zusammenarbeiten“, erzählt Iman.

Die Deutschkenntnisse der meisten Bewohner*innen, die derzeit in unseren Unterkünften leben, sind für den Arbeitsmarkt noch nicht ausreichend. Einige sind durch Traumata oder psychische Beeinträchtigung beim Sprachenlernen beeinträchtigt. Andere, wie Maqsut, sind einfach nur etwas schüchtern. Bei vielen fehlt auch eine konsequente Sprachförderung, wie sie die Integrationskurse bieten. Diese stehen jedoch nur den Asylbewerber*innen mit guter Bleibeperspektive offen – also genau jenen, die mittlerweile ein beschleunigtes Asylverfahren erhalten und die Erstaufnahmeeinrichtung schnell verlassen können. Geflüchtete aus z.B. Afghanistan, bei denen das BAMF von komplizierten Sachlagen ausgeht, sind während der langen Bearbeitungszeiten des Asylantrags auf von Kooperationspartner*innen und Ehrenamtlichen organisierte Deutschkurse angewiesen. Eine FIM- oder GzA-Stelle kann dann die perfekte Unterstützung sein, um die neue Sprache im Alltag anzuwenden und im eigenen Tempo Fortschritte zu machen.

Dafür ist in hohem Maße das Team gefragt. Ob eine Arbeitsgelegenheit funktioniert, hängt immer auch an der Empathiefähigkeit der Teammitglieder, sich sprachlich auf das Niveau des*r neuen Kolleg*in einzulassen. Im Team der Hausmeister klappt das super: Am Kaffeetisch sprechen alle langsam und deutlich, involvieren Maqsut in das Gespräch und geben ihm die Zeit, in Ruhe nach den richtigen Vokabeln zu suchen. Dass Maqsuts Kollegen ihn so gut unterstützen können, liegt auch an der eigenen Erfahrung. Wie bei den meisten Teams der TAMAJA sind auch bei den Hausmeistern die Nationaliäten bunt durcheinander gewürfelt – aus über 40 verschiedenen Ländern kommen die Mitarbeiter*innen des Unternehmens. Wie herausfordernd das Erlernen des Deutschen sein kann, wissen so manche von Maqsuts Kollegen daher aus erster Hand.

Eine weitere, sehr zentrale Hilfestellung gibt das Team ganz ohne besonderes Zutun. Iman erklärt: „Die Menschen in unseren Unterkünften sind sehr festgelegt auf ihre Rolle als Geflüchtete*r. Zwar haben sie hier mitunter z.B. auch familiäre Rollen, aber in Deutschland – ob den Behörden oder auch der Sozialarbeit von TAMAJA gegenüber – sind sie vor allem eins: Bittsteller. Auch wenn wir ihnen menschlich auf Augenhöhe begegnen, gibt es immer dieses Hierarchiegefälle.“ In einer Arbeitsgelegenheit ist das ganz anders. Einmal eingearbeitet, sind die GzA- und FIM-Kräfte in den Teams gleichwertig, sie sind Kolleg*innen und erhalten Wertschätzung für eine geleistete Arbeit. „Man darf nicht unterschätzen, was es für die Menschen bedeutet, durch eine Arbeitsgelegenheit aus der Flüchtlingsrolle heraustreten zu können.“

Diese wichtige Erfahrung schlägt sich auch in der Nachfrage von Arbeitsgelegenheiten nieder. Bewohner*innen, deren Verwandte und Freunde als GzA- oder FIM-Kraft arbeiten, melden sich bei Iman oft von sich aus, um ebenfalls vermittelt zu werden. Andere Geflüchtete lehnen eine Arbeitsgelegenheit wegen der geringen Aufwandsentschädigung von 80 Eurocent pro Stunde zuerst oft ab. „Dann liegt es an uns, Überzeugungsarbeit zu leisten und die Vorteile aufzuzeigen. Manchmal unterstützt uns dabei auch eine unserer GzA- oder FIM-Kräfte, die von ihren eigenen Erlebnissen berichtet“, erzählt Iman. Wer es einmal ausprobiert hat, bleibt zumeist dabei und geht einen wichtigen Schritt in Richtung Zukunft: Etwa ein Drittel der Geflüchteten, die bei TAMAJA eine Arbeitsgelegenheit wahrgenommen haben, konnten im Anschluss erfolgreich in eine Arbeitsstelle, eine Ausbildung oder ein Praktikum vermittelt werden. Auch Maqsut plant schon seinen nächsten Schritt: „Sobald wie möglich möchte ich eine Ausbildung machen. Aber eins nach dem anderen: jetzt lerne ich erstmal besser Deutsch. Dann kann es weitergehen.“

 

 
¹Willkommen-in-Arbeit-Büros sind Arbeitsvermittlungsbüros, welche die unterschiedlichen Angebote des Landes Berlins bündeln, um Geflüchteten den Zugang zu Bildung und Arbeit zu erleichtern. Regionale und bezirkliche Akteur*innen (u.a. die Sozial- und Migrationsberatung) sind hier integriert.

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